Blogparade #KIBedenken

Ich hatte euch erst kürzlich vom EduCamp in Minden berichtet. Auch hier stellten die Teilnehmer*innen in einigen Sessions sehr interessante Fragen zu Künstlicher Intelligenz in der Bildung.

Ich nehme den Aufruf der Blogparade durch Nele sehr gern an und möchte euch meine Gedanken zu der Debatte #KIBedenken teilen.

Seit Ende 2022 überschlagen sich die Meldungen zum Thema KI in den Nachrichten, Magazinen, aber auch in den Blogs und Web-Auftritten. Mittlerweile heißt es, dass seit dem die Öffentlichkeit Zugang zu ChatGPT hat, wir in einer neuen Ära des digitalen Zeitalters angekommen sind.

Historische technologische Entwicklung

Beat Döbeli Honegger hat einen inspirierenden Vortrag gehalten und sehr gut visuell auf den Punkt gebracht, wo wir gerade gesamtgesellschaftlich stehen:

Beat Döbeli Honegger, 8. Pädagogischer Dialog Liechtenstein, Vaduz, 21.02.2024

Diese Grafik zeigt sehr gut, wie die Digitalisierung eng auch mit den Entwicklungen unserer Gesellschaft verzahnt ist. Schaut euch mal an, wie rasant die Themen rund um den digitalen Leitmedienwechsel voranschreiten.

Und ich möchte behaupten, dass es noch eine Vielzahl von Mitmenschen gibt, die erstmal beim Nutzen des Internets angekommen sind und die Vielzahl der Sozialen Netzwerke nicht nutzen oder gar verstanden haben, warum man sich dort anmeldet … Und jetzt wird das Thema der KI auch noch durchs Dorf getrieben.

Ebenfalls eine sehr schöne Grafik ist die Darstellung der Entwicklung des World Wide Web.

©Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. 2019

Doch um noch besser verstehen zu können, wie rasant sich Technologie entwickelt, habe ich hier noch eine Grafik für euch:

Es brauchte 27 Jahre bis 1 Million Nutzer ein Telefon nutzen und es brauchte nur 5 Tage bis genauso viele Nutzer die neueste technische Entwicklung – ChatGPT –  ausprobierten. Das ist beeindruckend und irgendwie auch beängstigend zugleich. Denn was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Welchen Einfluss haben diese technologischen Entwicklungen auf die Bereiche:

  • Bildung
  • Wirtschaft
  • Politik
  • Demokratie
  • Mobilität
  • Klima
  • … hier könnt ihr gern eure Themen weiterdenken

Doch nun zurück zur Blogparade und meine Gedanken zu den verschiedenen Fragestellungen mit dem Fokus auf KI in der Bildung.

Digital aufgeschlossen

Seit nun bald 25 Jahren haben wir global alle Zugriff auf das Internet und auf einen immensen Fundus an Forschung, Wissen und Informationen. Wir sind mittlerweile von der Industrie- über die Buchgesellschaft zu einer Informationsgesellschaft mutiert.

Und es sind immer die Menschen die Gewinner, die offen für Veränderung sind und vor allem mitdenken oder gar auch bei den technischen Neuerungen mit entwickeln.

Blicken wir in unser Bildungssystem, so möchte ich behaupten, dass es immer noch ein Gros der Lehrer*innen gibt, die vielleicht nur die Namen der Sozialen Netzwerke kennen, Begriffe wie Blogs, Podcasts, E-Learning, adaptives Lernen und nun auch das Thema von Künstlicher Intelligenz nicht oder nur sehr wenig als einen Schwerpunkt ihrer Lehre setzen.

Ich möchte eher behaupten, dass wir  – die digital-aufgeschlossenen Pädagog*innen – in unserer Bubble leben und den anderen Mitmenschen auch diesmal wieder davonlaufen.

Verlieren wir über KI nicht wichtigere Themen aus den Augen?

Tatsächlich denke ich, dass mit dem Thema KI in der Bildung wieder eine weitere neue Herausforderung auf uns zu kommt, aber Themen der Medienkompetenz der bisherigen technologischen Entwicklungen noch nicht mal bei jedem angekommen sind.

Was wissen denn die Pädagog*innen (und Eltern) zu den Themen Cybergrooming, Cyber-Mobbing, Bildrechte, Kommunikation in den Netzwerken?

Wissen denn überhaupt alle Bescheid, wie die bekannten Suchmaschinen funktionieren? Oder ist allen bewusst, dass die Algorithmen der Sozialen Netzwerke bestimmen, welche Inhalte man zu Gesicht bekommt und dadurch wir uns alle in unterschiedlichen Informations-Blasen bewegen? Und dass dies eben unterschiedliche Manipulationen und Denkweisen hervorruft?

Ähnliches Unwissen sehe ich dann auch bei dem Thema Künstliche Intelligenz.

  • Was wissen wir über ChatGPT?
  • Welche Bias hatten die Daten, mit denen diese Maschinen gelernt haben?
  • Welche KI-Systeme gibt es und welche KI-Systeme stecken in den aktuellen Bildungs-KI-Angeboten von zum Beispiel fiete.ai oder der fobizz?

Warum steht Technik so oft vor Lernen?

Wenn ihr mich fragt, sollten wir natürlich weiter aufgeschlossen sein und uns mit den Entwicklungen befassen, aber eben das Fragenstellen nicht verlernen. Darüber hinaus sollten wir weiter versuchen, unsere Kolleg*innen, den Freundeskreis und unser Netzwerk mitzunehmen.

Ich hatte das auch schon mal gepostet, dass ich mir oft wie ein Alien vorkomme und irgendwie genauso oft ein early adopter bin und mit Kopfschütteln angesehen werde, mit welchem Quatsch ich mich doch schon wieder befasse. Und am Ende: hat sich der Quatsch schnell in der breiten Masse durchgesetzt und plötzlich wird die Zeit in sozialen Netzwerken verdaddelt.

Veränderung der Lehre

Zurück zur Schule: Es muss dringend und zwingend in der Hochschule (Lehrerausbildung) eine Digitale Didaktik oder E-Didaktik (wie auch immer man das nennen möchte) etabliert werden. Weiter geht es bei den Fort- und Weiterbildungen der Lehrer*innen. Denn wer schon mitten im Schuldienst tätig ist, sollte auch abgeholt werden – und dies verpflichtend.

Ähnlich wie ich noch Anfang der 2000er in meinem Studium mich mit dem Einsatz von Arbeitsblatt und Lehrbuch befassen musste, muss der Sinn und Zweck der digitalen Medien in die Lehreraus- und Weiterbildung. Hier sollten dann Fragen beantwortet werden wie:

  • Wo soll KI konkret im Unterricht als medialer Gegenstand unterstützen?
  • Welche Mehrwerte werden für die Lehrenden und auch für die Schüler*innen geschaffen?

Es geht darum, Schule so zu gestalten und Unterrichtsinhalte so auszuwählen und mit Schülerinnen und Schülern so zu bearbeiten, dass Schülerinnen und Schüler in einer digitalisierten Welt mündig handeln können.

Wo bleibt die nötige Veränderung der Lernkultur?

 

Auch hier habe ich ein paar Gedanken dazu. Wie kann sich denn eine Veränderung der Lernkultur entwickeln, wenn es doch von außen via Rahmenlehrpläne und Prüfungsvorschriften ein festes Korsett gibt?

Wenn am Ende des Trichters doch das Gleiche herauskommen soll, wie soll diese Veränderung dann aussehen?

Aufgaben mit Sinn

Hier kurz skizziert am Beispiel eines Deutsch-Aufsatzes:

Im Rahmenlehrplan steht, dass die Schüler*innen einen sachlichen Text verfassen können. Man hat dann als Lehrer*in einen Zeitraum von 4-6 Wochen. Denn danach sollen alle ihren Aufsatz schreiben. Innerhalb der 4-6 Wochen kann man sicher verschiedene differenzierte Wege gehen, aber die müssen dann so geplant sein, dass am Ende eine Wegbeschreibung, eine Anleitung eines Rezeptes oder eine Tierbeschreibung (jedes Bundesland handhabt das etwas anders) in 45min schriftlich verfasst wird.

Eine wirkliche Veränderung der Lernkultur würde stattfinden, wenn die Lernenden nach solch einer Lernsequenz auch die Chance haben, unterschiedliche Lernzielkontrollen abzugeben.

Wie wäre es denn, wenn statt einer Wegbeschreibung die Schüler*innen eine Stadtrallye abgeben oder das Rezept als YouTube Anleitung filmen und am Ende real das Produkt verköstigen?

Veränderung der Prüfungskultur

Und jetzt kommt´s: Wie sollen denn solche Produkte bewertet werden? Also welche Schulnote soll es denn für solch unterschiedliche Produkte geben? Ich gebe zu, auch ich würde hier Schwierigkeiten haben, eine Ziffer abzugeben. Und da sind wir bei dem nächsten Blockierer für eine Veränderung der Lernkultur.

So lange wir nicht gemeinsam Lösungen für alternative Prüfungen entwickeln, sondern fest an Zeugnissen mit Schulnoten oder Zertifikaten mit Credit Points festgehalten wird, so lange bleibt die Vision, dass Gelerntes nachhaltig lange im Gedächtnis bleibt, weiter ein Traum und das Bulimie-Lernen in straffen Regularien wird fortbestehen.

Ob da dann die Entwicklungen von Programmen mit Künstlicher Intelligenz der richtige Weg sind, unser Bildungssystem auf den Kopf zu stellen? Wenn ihr mich fragt, müssen wir erstmal an anderen Stellschrauben für Veränderungen sorgen. Das führt mich zur nächsten Frage:

Welche Merkmale weist eine Bildung auf, die zum eigenverantwortlichen und verantwortungsvollen Leben in einer KI-geprägten Welt führen kann?

Auch hier möchte ich wieder Beat Döbeli Honegger zitieren und als Aufhänger nutzen. Das Leistungsniveau von Computern hat sich deutlich verbessert, so dass sie nun in der Lage sind, auf einer sprachlichen Ebene zu kommunizieren und Texte zu generieren, die sogar das Niveau bestimmter Schüler übertreffen können.

Gleichzeitig wird es immer schwieriger, künstlich erzeugte Inhalte von menschlich verfassten zu unterscheiden. Dies wirft für zukünftige Generationen, sowohl innerhalb als auch außerhalb des schulischen Kontextes, die Frage der Motivation auf: Warum sollte ich etwas lernen, was die Maschine (besser) kann als ich?

Folie von Beat Döbeli Honegger

Die Kompetenzen des 21. Jahrhunderts

Auch hier kann ich nur eine Vision entwickeln. Die Rahmenlehrpläne müssen in allen Fächern schnellstens überarbeitet werden. Vor dem Hintergrund der 4K, auch als 21st century skills bekannt:

  • Kollaboration,
  • Kreativität,
  • kritisches Denken und
  • Kommunikation

sollten die Inhalte so aufgebaut sein, dass die Lernenden einen Sinn und einen Mehrwert in dem zu Lernenden finden. Wie oft werden Produkte erstellt, die nur den Zweck haben, am Ende eine Note zu bekommen?

Stellt euch nur all die Kunstwerke in Kunst vor? Wurden die schon mal in einer Vernissage angeboten? Wurden eventuell Kunstwerke verkauft für einen guten Zweck in der Schule? Nein, stattdessen wird Kuchen gebacken, um die Klassenkasse aufzubessern…

Mir fallen da noch sehr viele andere Produkte ein, denen man mehr Sinn geben könnte, als nur die Schulnote. Wie wäre es mit Lesungen zu selbst geschriebenen Geschichten und Gedichten?

Und dann um zurück zur Frage zu kommen: Fördern solche sinnhaften Veranstaltungen dann nicht auch per se, dass wir uns Gedanken machen, ein eigenverantwortliches und verantwortliches KI-geprägtes Leben zu führen?

Ich könnte mir vorstellen, dass man mehr Stolz empfindet, wenn man tatsächlich aus der eigenen Kraft ein Produkt geschaffen hat, statt mit künstlicher Intelligenz.

Aktuell, genau habe ich das Gefühl, dass die KI eben genau dafür genutzt wird, schnell den Aufsatz oder die Mathe-Aufgaben rechnen zu lassen, damit man sich schnell den Themen widmen kann, für die man mehr empfindet – und sei es nur, dass man schnell zum Fußball-Training möchte, weil man da viel mehr zurück bekommt, wenn man seinen Auftritt auf dem Platz hat.

Was beschäftigt dich darüber hinaus an den aktuellen Entwicklungen?

Diese Frage ist gar nicht so schnell und einfach zu beantworten. Wie schon eingangs erwähnt und auch schon oft von mir formuliert: Die Entwicklung der Technologie ist nicht aufzuhalten und kann aus dem Curriculum der Lehrpläne nicht weggedacht werden.

Damit einher geht also, dass zum einen die Eltern in der Verantwortung sind, sich mit den Themen zu befassen, denn es sind ihre Kinder, die sie in diese neue Welt entlassen und zu lebensfähigen Menschen erziehen soll(t)en. Zum anderen ist es aber auch die Aufgabe von Kita und Schule die Kinder auszubilden, fortzubilden und den Kindern Wissen zu vermitteln.

Wie bekommt man aber diese schnellen Entwicklungen mit all ihren Chancen und Risiken in eine breite Gesellschaft, die so heterogen ist, wie sie bisher noch nie war? Denn wir leben mittlerweile in multikulturellen Gesellschaften.

Also ich frage mich tatsächlich sehr oft: Wie bekommt man sehr niedrigschwellig objektiv die Informationen an die Eltern und Pädagog*innen rund um die sozialen Netzwerke, den Umgang mit dem Smartphone und den Einsatz von KI.

Eine konkrete Antwort habe ich (leider) nicht. Außer dass ich weiter versuchen werde, hier in meinem Blog über die Themen zu berichten und ich bin auch bereit Vorträge zu halten und mich zu engagieren weiter aufzuklären und zu motivieren, sich den neuen Technologien zu öffnen.


Kommentare

2 Antworten zu „Blogparade #KIBedenken“

  1. […] Der nächste Beitrag stammt von Melanie Mohr. Melanie ist Bildungsenthusiastin, Autorin, Bloggerin und auch als “Literatenmelu” bekannt. In ihrem Beitrag konstatiert sie, dass “wir – die digital aufgeschlossenen Pädagog*innen – in unserer Bubble leben und den anderen Mitmenschen auch diesmal wieder davonlaufen“. Sie macht das daran deutlich, dass das Thema der Medienkompetenz zu auch bisherigen Technologien noch nicht ausreichend in der Fläche angekommen sei – von KI ganz zu schweigen. Für Schule, Unterricht und Lehre fordert sie eine Digitale Didaktik, eine veränderte Prüfungskultur und eine Bildungsvision für das 21. Jahrhundert entlang der sogenannten 4K.Vielen Dank für deinen Beitrag. Melanies Gedanken findet ihr hier. […]

  2. […] aber droht die Gefahr, dass die neue Technologie nur Privilegierten zugutekommt. Wer profitiert? Wem nimmt die KI die Arbeit ab, wen unterstützt sie? Und wer muss wirklich Angst […]

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