Es gibt Straßen, die wirken wie ein Versprechen. Gepflegte Vorgärten, schmiedeeiserne Zäune, Stuckfassaden, hinter denen das Leben geordnet, sicher und irgendwie gelungen erscheint. Straßen, in denen man glaubt, dass Probleme leiser sind, weil das Geld sie dämpft – und Abgründe höflich hinter Gardinen verschwinden.
Doch was passiert, wenn genau dort die Fassaden Risse bekommen? Wenn Status zur Maske wird, Nachbarschaft zur Bühne und das gute Leben zu einer Rolle, die man immer verzweifelter spielt? Wenn Macht, Begehren und alte Schuld nicht mehr unter den Teppich passen, sondern sich ihren Weg bahnen?
Kastanienallee interessiert sich nicht für die glänzende Oberfläche, sondern für das, was darunter brodelt: für das Ungleichgewicht zwischen Schein und Sein, für gesellschaftliche Hierarchien, die sich selbst reproduzieren, und für Menschen, die irgendwann beschließen, dass Anpassung keine Option mehr ist. Es ist ein Blick auf eine Welt, in der Privilegien nicht vor moralischem Verfall schützen – und in der aus stiller Beobachtung plötzlich Handlung wird.
Ein Roman über Milieus und Macht, über das langsame Kippen von Gewissheiten – und über den Moment, in dem aus wohlerzogener Zurückhaltung etwas Unaufhaltsames entsteht.
Inhalt
Entlang der Kastanienallee verbergen sich hinter hohen Gartenzäunen elegante Villen aus dem Fin de Siécle. Hier wohnt die Oberschicht und all jene, die sich gerne dazu zählen. Ärzte und Anwältinnen, Industrielle, aber auch Zugezogene, denen der Anschluss an die erlesene Nachbarschaft auch nach Jahren noch nicht gelingen mag. Doch hinter der makellosen Fassade steht bei Weitem nicht alles zum Besten.
- Ein Anwalt in finanziellen Nöten,
- ein Psychiater, der am Abgrund wandelt,
- ein Playboy, der auf Kosten seiner Frau lebt,
- ein Erbe, der unguten Neigungen nachgeht,
- ein Trafikant, der Frau und Tochter hasst oder
- eine arbeitslose Historikerin auf der dringenden Suche nach einem Restitutionsfall.
Sie alle sind Figuren in einem Spiel, das sich immer gefährlicher zuspitzt. Ein wohlhabendes Ehepaar in den besten Jahren beobachtet und kommentiert die Verwerfungen in der Nachbarschaft mit fatalistischem Humor. Währenddessen nehmen die Frauen in der Geschichte nach und nach ihr belangloses Schicksal selbst in die Hand.
Autor
Louise K. ist das Pseudonym einer erfolgreichen österreichischen Autorin, die selbst immer schon gerne gelesen hat, es aber nicht dabei belassen wollte.
Ihr Talent stellt sie in regelmäßig veröffentlichten Kolumnen für verschiedene Tageszeitungen unter Beweis. Ihr neuester Roman sprüht nicht nur vor intrigantem Vorstadt-Charme, sondern wimmelt auch von verschrobenen Charakteren.
Sie lebt mit ihrer Familie und jeder Menge Verwandtschaft in der Nähe von Wien, während sie bereits am zweiten Teil der perfiden Machenschaften rund um die Kastanienallee arbeitet.
Fazit
Kastanienallee ist ein Roman, der seine Wirkung leise, aber nachhaltig entfaltet. Louise K. seziert die vermeintlich bessere Gesellschaft mit trockenem Humor, feinem Sarkasmus und einem sicheren Gespür für die kleinen, entlarvenden Details.
Was sich zunächst launig und beinahe gemütlich liest, entpuppt sich schnell als bissige Milieustudie, die hinter die Fassaden der Vorstadtvillen blickt – dorthin, wo Macht, Abhängigkeiten und unerfüllte Sehnsüchte den Ton angeben.
Mit Wärme und Schärfe zugleich zeichnet die Autorin ein Gesellschaftsbild, das amüsiert, irritiert und immer wieder berührt. Man schmunzelt, man erkennt Muster – und bleibt dran, weil diese Straße mehr zu erzählen hat, als man zunächst vermutet.
Ein geschmeidiger, pointenreicher Roman mit Nachhall und genügend offenen Türen, um sich jetzt schon auf die angekündigte Fortsetzung zu freuen.

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