Manchmal braucht es nur den richtigen Ort, das richtige Thema oder eine spannende Geschichte, um Kinder für Bücher zu begeistern.
Das merke ich auch immer wieder bei meinem Sohn. Er gehört nicht zu den Kindern, die freiwillig stundenlang in einem Roman versinken. Umso mehr bin ich immer auf der Suche nach Geschichten, bei denen wir eine Brücke zu unserem eigenen Alltag, zu Interessen oder gemeinsamen Erlebnissen schlagen können.
Als ich „Falsches Spiel auf Sylt“ von Sarah Drews aus dem Verlag Monika Fuchs entdeckt habe, war meine Neugier sofort geweckt.
Denn Sylt ist für uns nicht irgendeine Insel. Lenni und ich haben dort bereits zweimal mehrere Wochen im Winter verbracht. Während seiner Reha wegen seines Typ-1-Diabetes konnten wir die Insel fernab des sommerlichen Touristentrubels kennenlernen und haben viele persönliche Erinnerungen mit nach Hause genommen.
Ein Kinderkrimi, der ausgerechnet auf Sylt spielt? Den musste ich natürlich lesen. Und vielleicht ist genau das bereits ein wichtiger Gedanke für die Leseförderung:
Nicht jedes Kind muss jedes Buch mögen. Manchmal müssen wir nur die Geschichte finden, die einen persönlichen Funken überspringen lässt.
Das Buch auf einen Blick
Titel: Falsches Spiel auf Sylt
Autorin: Sarah Drews
Illustrationen: Simone Leiss-Bohn
Verlag: Verlag Monika Fuchs
Umfang: 166 Seiten
Altersempfehlung: ab 10 Jahren
ISBN: 978-3-947066-26-1
Darum geht es
Eigentlich hatte Caro sich ihre Sommerferien ganz anders vorgestellt. Statt gemeinsam mit ihrer Mutter nach Spanien zu reisen, soll sie nun die Ferien bei ihrer Tante Linda auf Sylt verbringen. Und dann ist da auch noch Cousine Marianne.
Caro erinnert sich an sie nicht unbedingt als die spannendste Ferienbegleitung und stellt sich schon auf ziemlich langweilige Wochen ein. Doch manchmal können Erinnerungen täuschen.
Marianne ist inzwischen richtig cool und die beiden zwölfjährigen Mädchen finden schneller zueinander als erwartet. Außerdem gibt es in Tante Lindas Leben eine interessante Neuigkeit: Sie hat einen neuen Freund. Nur verhält der sich irgendwie merkwürdig. Caro und Marianne werden misstrauisch und beginnen, genauer hinzusehen.
Aus ein paar Beobachtungen entwickelt sich schließlich ihre „Geheimsache Aal“ – und plötzlich sind die vermeintlich langweiligen Sommerferien alles andere als langweilig. Ihre Nachforschungen bringen die beiden jungen Detektivinnen allerdings auch in Situationen, die gefährlicher werden, als sie zunächst ahnen konnten.
Mehr möchte ich an dieser Stelle gar nicht verraten. Schließlich lebt ein Krimi davon, dass wir gemeinsam mit den Figuren rätseln dürfen.
Sylt ist viel mehr als nur eine Kulisse
Besonders schön finde ich, dass Sylt in diesem Buch nicht einfach irgendein austauschbarer Ferienort ist. Die Insel gehört zur Geschichte.
Noch näher kommt man den Orten durch die Sylt-Karte im Buch, auf der wichtige Schauplätze eingezeichnet sind. Beim Lesen kann man immer wieder nachschauen, wo Caro und Marianne gerade unterwegs sind.
Wer die Insel bereits kennt, wird sicherlich den einen oder anderen Ort wiedererkennen. Wer noch nie dort war, bekommt vielleicht Lust, Sylt irgendwann selbst zu erkunden.
Solche Elemente können gerade bei jungen Leser*innen zusätzlich motivieren. Eine Geschichte findet plötzlich nicht nur im Kopf statt. Man kann den Figuren gewissermaßen über die Insel folgen.
Spannung ohne viel Schnickschnack
Falsches Spiel auf Sylt besteht aus 15 Kapiteln. Das Buch richtet sich meiner Meinung nach bereits an Kinder, die über etwas Leseerfahrung verfügen. Die Schrift entspricht eher der eines klassischen Kinderromans und ist nicht mit der besonders großen Schrift typischer Erstlesebücher vergleichbar. Auch die Textmenge ist deutlich umfangreicher.
Zwischendurch lockern kleine Schwarz-Weiß-Illustrationen die Seiten auf. Mir gefällt dabei, dass die Bilder nicht alles vorgeben. Sie unterstützen die Geschichte, lassen aber genügend Raum, damit im Kopf eigene Bilder entstehen können. Denn genau das gehört für mich auch zum Lesen: Wir erschaffen beim Lesen unsere eigene Welt.
Muss man dafür eine Leseratte sein?
Der Verlag empfiehlt das Buch ab zehn Jahren. Das halte ich grundsätzlich für passend – allerdings würde ich Falsches Spiel auf Sylt zum selbstständigen Lesen eher Kindern empfehlen, die bereits gern und einigermaßen sicher längere Geschichten lesen.
Für einen ausgeprägten Lesemuffel können 166 Seiten zunächst durchaus beeindruckend wirken. Das bedeutet aber nicht, dass diese Kinder auf den Krimi verzichten müssen. Warum nicht gemeinsam lesen?
Ein Kapitel liest das Kind, das nächste Mama oder Papa. Oder man wechselt sich bereits nach ein paar Seiten ab. Gerade ein Krimi bietet sich dafür wunderbar an. Nach einem Kapitel kann gemeinsam spekuliert werden:
- Was stimmt mit Tante Lindas neuem Freund nicht?
- Sind Caro und Marianne auf der richtigen Spur?
- Was würdest du jetzt tun?
- Wem würdest du vertrauen?
Plötzlich wird aus dem Lesen ein gemeinsames Erlebnis. Und vielleicht ist es für manche Kinder genau dieser Zugang, der Bücher interessanter macht.
Leseförderung muss für mich nicht immer bedeuten, dass ein Kind allein mit einem Buch im Kinderzimmer sitzt. Gemeinsam lesen ist genauso lesen.
Für wen empfehle ich Falsches Spiel auf Sylt?
Besonders empfehlen würde ich den Kinderkrimi für leseerfahrene Kinder ab etwa zehn Jahren beziehungsweise ab Klasse 5.
Die beiden zwölfjährigen Hauptfiguren bieten vor allem gleichaltrigen Leser*innen gute Identifikationsmöglichkeiten. Mädchen werden sich vielleicht besonders schnell in Caro und Marianne wiederfinden – aber natürlich ist ein spannender Kriminalfall nicht an ein Geschlecht gebunden. Auch Jungs, die Detektivgeschichten mögen, können hier wunderbar mit rätseln.
Auch in einer Schulbibliothek kann ich mir den Titel sehr gut vorstellen. Und vielleicht ist Falsches Spiel auf Sylt sogar eine schöne Ferienlektüre: ein bisschen Urlaub, ein bisschen Abenteuer und ganz viel Ermittlungsarbeit zwischen zwei Buchdeckeln.
Mein Fazit
Falsches Spiel auf Sylt hat mich schon allein wegen des Schauplatzes neugierig gemacht – und die Geschichte konnte diese Neugier halten.
Caro und Marianne sind sympathische zwölfjährige Protagonistinnen, deren Beziehung sich glaubwürdig entwickelt. Aus zunächst wenig verheißungsvollen Ferien wird ziemlich schnell ein gemeinsames Detektivabenteuer.
Besonders gelungen finde ich, dass Sylt tatsächlich Teil der Geschichte wird. Die Karte mit den Schauplätzen verstärkt dieses Gefühl noch einmal und macht Lust darauf, den Weg der beiden Mädchen nachzuverfolgen.
Der Krimi richtet sich meiner Einschätzung nach vor allem an Kinder, die bereits etwas Leseerfahrung mitbringen. Für Lesemuffel würde ich das Buch deshalb nicht einfach kommentarlos auf den Nachttisch legen. Ich würde mich dazu setzen. Gemeinsam anfangen. Abwechselnd lesen. Zusammen rätseln.
Denn manchmal braucht es gar nicht das perfekte Buch für Lesemuffel. Manchmal braucht ein Kind einen Menschen, der gemeinsam mit ihm die erste Tür zu einer Geschichte öffnet. Und wenn hinter dieser Tür ausgerechnet eine spannende Ermittlung auf Sylt wartet, stehen die Chancen doch gar nicht schlecht.
Und für Caro und Marianne ist das Abenteuer noch nicht vorbei: Mit „Falsche Spur nach Sylt“ gibt es bereits einen zweiten Kinderkrimi.
Ein Jahr nach den Ereignissen des ersten Bandes kehrt Caro wieder auf die Insel zurück – eigentlich mit dem festen Vorsatz, diesmal ganz normale Ferien zu machen. Natürlich kommt es anders.
Das Rezensionsexemplar liegt bei mir bereits bereit. Caro, Marianne und Sylt werden hier im Blog also sicher noch einmal auftauchen.
